Wird Blau-Weiss Halle am Sonntag zum fünften Mal Deutscher Meister?

HalleWestfalen. Die 1. Tennis-Point Bundesliga der Herren hat noch zwei Spieltage zu absolvieren und dann ist die 46. Saison, die Liga gründete sich 1972, Geschichte. Voraussichtlich dürfte am Sonntag, dem 8. Spieltag, 13. August, die letzte Entscheidung fallen.

Zuvor ist bereits am letzten Sonntag mit dem Abstieg von Blau-Weiss Aachen, sie gehörten nur zwei Jahre der Liga an, die erste Saisonentscheidung gefallen. In diesem Jahr gibt es nur einen Absteiger. Nachdem der Nordmeister Bremerhavener TV den Aufstieg nicht angenommen hatte, startete die erste Bundesliga am 09. Juli mit nur neun Teams. Demzufolge hat am jeweiligen Spieltag immer ein Team spielfrei. Dies trifft für den ungeschlagenen Tabellenführer Blau-Weiss Halle (12:2 Punkte) am neunten und letzten Spieltag (20. August) zu.

Allerdings scheint es unwahrscheinlich zu sein, dass erst dann der Deutsche Mannschaftsmeister 2017 feststeht. Alles spricht dafür, dass die ostwestfälische GERRY WEBER-Mannschaft um Teamchef Thorsten Liebich am Sonntag neuer nationaler Meister sein wird. Es wäre für die Haller, die seit 20 Jahren der Liga angehören, nach 1995, 2006, 2014 und 2015 der fünfte nationale Titelgewinn. Hinter dem Ligaprimus folgt derzeit Grün-Weiss Mannheim, die am vergangenen 7. Spieltag vor 4.200 Zuschauern mit einem 2:4 (2:2) bei den Blau-Weissen ihre erste Saisonniederlage hinnehmen mussten. Demzufolge liegen die Badener mit einem 8:4-Punktestand auf Rang zwei und haben sich letztlich so um die Titelvergabe gebracht. Die Tabellenplätze drei bis fünf haben mit jeweils einem 7:5-Konto Kurhaus Lambertz Aachen, Allpresan Rochusclub Düsseldorf und Blau-Weiß Krefeld inne. Dahinter folgen Deutsche Öl und Gas Rot-Weiss Köln (5:7), der Aufsteiger TC Weinheim (6:8), der Titelverteidiger Badwerk Gladbacher HTC (4:8) und der sieglose Tabellenletzte Blau-Weiss Aachen mit 0:12.

Trotz dieser fast entschiedenen sportlichen Situation, lassen die übrigen sieben Mannschaften nichts unversucht, ihre aktuellen Tabellenplatzierungen zu verbessern. Dies gilt sowohl für die Düsseldorfer, die am Sonntag beim Tabellenführer (Spielbeginn 11.00 Uhr) in Halle anzutreten haben, als auch für den Deutsche Meister Gladbach. Der empfängt auf eigener Anlage Grün-Weiss Mannheim. Sie alle wollen mit einem möglichen Sieg ihrer alles andere als bis dato optimal verlaufenen Saison noch einen positiven Touch geben. Allerdings lässt der kommende sonntägliche Ablauf keine Zweifel aufkommen; wenn Blau-Weiss Halle seine Auseinandersetzung gegen die NRW-Landeshauptstädter – die seit 29 Jahren der ersten Bundesliga angehören und noch nie den Titel gewinnen konnten – siegreich gestalten kann, ist alles fix: sie wären dann Deutscher Mannschaftsmeister.

„Wir wollen uns ordentlich verkaufen“, so die Botschaft des Düsseldorfer Teamchefs Detlef Irmler, der zum Auftakt der letztjährigen Saison den Ostwestfalen am ersten Spieltag eine 2:4-Niederlage beibringen konnte. Trotz der renommierten Namen auf Seiten der Haller wie unter anderem Robin Haase, Daniel Munoz de la Nava und Jarkko Nieminen. Die Rheinländer wurden letztlich am Ende der Saison 2016 Deutscher Vizemeister. Mit den Brüdern Mischa und Alexander Zverev hat der ehemalige deutsche Davis-Cup-Teamchef Irmler zwar attraktive Namen auf seinem Meldebogen, doch zum Einsatz sind sie in diesem Jahr nicht gekommen. Das Rochusclub-Team wird am Sonntag angeführt von dem talentierten 25-jährigen Mats Moraing (ATP 301), der auf Grund von Verletzungen aber auf der Stelle tritt. Ein Jahr jünger ist die Nummer zwei, der Slowake Filip Horansky (ATP 441), der als 18-Jähriger unter anderem die Doppelkonkurrenz bei den Australian Junior Open gewinnen konnte. Einen aktuellen Grand-Slam-Sieger bietet Detlev Irmler mit Alejandro Davidovich (ATP 558) auf. Der 18-Jährige, Sohn eines Schweden und einer Russin mit spanischem Pass, stand bei den French Open der Junioren im Halbfinale und gewann anschließend in Wimbledon. Der 26-jährige Deutsche Tom Schönenberg komplettiert mit dem erfahrenen Niederländer Matwe Middelkoop, aktuell die Nummer 59 der ATP-Doppel-Weltrangliste, das Aufgebot.

Sollte nach vier Einzel- und zwei Doppelbegegnungen das Schlussresultat ein 3:3-Unentschieden sein, wären die Gastgeber auch Meister. Selbst bei einer 2:4-Niederlage sind die Meisterschaftsträume auf der Anlage an der Weststraße im Schatten des GERRY WEBER STADIONS noch nicht geplatzt, denn dann steht wiederum das Duell in Mönchengladbach zwischen Badwerk und dem Team aus der badischen Kurpfalz im sportlichen Fokus. Doch auf diese Rechenschiebereien will sich Thorsten Liebich erst gar nicht einlassen und bietet sein verschworenes Bundesliga-Team der letzten Spieltage auf. Angeführt wird das Aufgebot vom deutschen Davis-Cup-Spieler Jan Lennard Struff (ATP 54) und dahinter folgen Daniel Munoz de la Nava (ATP 414), Jeremy Jahn (ATP 201), Enrique Lopez-Perez (ATP 300), Tim Pütz (ATP 466), Thiemo de Bakker (ATP 375) und Lennart Zynga. Sie alle haben, wie Teamchef Liebich immer wieder betont, „mächtig Bock auf Bundesliga“, was sie im Laufe der Saison mehrfach gezeigt haben.

So führten auch zwischenzeitliche 0:2-Rückstände nicht zu Niederlagen, denn spätestens die Doppel sorgten so mindestens für zwei Unentschieden in Köln und daheim gegen Kurhaus Aachen vor 3.800 Zuschauern. Eine überragende Doppelbilanz haben im Übrigen der 27-jährige Jan-Lennard Struff und sein zwei Jahre älterer Teamkollege Tim Pütz aufzuweisen. Fünfmal trat dieses spielstarke Duo an und fünfmal verließen sie den Court siegreich. Der >hessische Bub< Pütz trat zudem zweimal mit Thiemo de Bakker im Doppel an, in Gladbach und Weinheim, und auch hier blieb dieses Gespann ungeschlagen. Angesichts dieser 7:0-Doppelbilanz, addiert mit einer 4:1-Ausbeute aus den Einzelpartien, ist der Frankfurter mit einer 11:1-Ausbeute und der ATP-Platzierung 465 schlechthin Halles Meisterspieler.

Diese Ranglistennotierung zeigt aber auch zugleich auf, dass nicht immer aktuelle Topplatzierungen auf der ATP-Weltrangliste die Basis für Siege sind. Ein anderer Haller-Bundesligaprofi ist weiterer Beleg dafür: Daniel Munoz de la Nava. Der 35-jährige Madrilene, seit fünf Jahren im Trikot der Ostwestfalen, rangiert derzeit auf Position 414. Er war bereits Meisterspieler in den Jahren 2014 und 2015 und hat in diesem Jahr eine sehr gute 4:1-Einzelbilanz aufzuweisen. Das Geheimnis des sportlichen Erfolges ist beim TC Blau-Weiss Halle zweifelsohne der Teamspirit. Es wird viel Wert darauf gelegt, dass sich die Spieler untereinander verstehen. So bekommt Thorsten Liebich das ganze Jahr über auch Tipps und Hinweise, wer sich mit wem versteht – menschlich und sportlich. Insofern kam auch Thiemo de Bakker, er spielte bereits 2009 eine Saison für die Ostwestfalen, zurück, der im niederländischen Davis-Cup-Team vielfach mit der Haller Nummer eins, seinem Landsmann Robin Haase, gemeinsam im Doppel antritt.

Bundesliga-Tennis in Halle ist zum Markenzeichen für die ostwestfälische Region geworden und Zuschauerzahlen zwischen 3.500 und 4.200 Fans sind keine Seltenheit. Überhaupt ist festzuhalten, dass in dieser Saison das Publikumsinteresse enorm angestiegen ist. So hat der Rochusclub auf seiner Anlage am Grafenberger Wald bei vier Heimspielen fast 12.000 Zuschauer gehabt und Grün-Weiss Mannheim ist mit knapp 10.000 Zuschauern – bei bis dato drei Heimspielen – ebenfalls in der Publikumsgunst weit vorne. Erfreulich ist auch, dass die Domstädter, die in diesem Jahr erst ihre dritte Bundesliga-Saison bestreiten, auch im Schnitt pro Heimspiel auf ihrer Rot-Weiss-Anlage 2.400 Zuschauer zu verzeichnen haben. Dies alles geht natürlich einher mit den zum Einsatz gekommenen Weltklassespielern, die sich bei ihren Teameinsätzen publikumsnah geben.

So hatte beispielsweise Kurhaus Lambertz Aachen mit Roberto Bautista-Agut (ATP 16/Spanien), Pablo Cuevas (ATP 27/Uruguay) und Diego Schwartzman (ATP 36/Argentinien) drei Topspieler im Team, die Domstädter boten Benoit Paire (ATP 41/Frankreich), Andreas Seppi (ATP 83/Italien) und den Deutschen Dustin Brown (ATP 97) auf. Blau-Weiß Krefeld hatte den Italiener Paolo Lorenzi (ATP 38) als Spitzenmann und in Mannheim auf der Neckarplatt-Anlage begeisterten der ehemalige Weltranglisten-Zweite Tommy Haas und Nicolas Kicker (ATP 80) aus Argentinien. Für den voraussichtlichen neuen Deutschen Meister traten neben Jan-Lennard Struff noch so spielstarke Profis wie Robin Haase (ATP 52), der Georgier Nikoloz Basilashvili (ATP 63) und der Portugiese Joao Sousa (ATP 51) an.

Erfreulich ist aber auch festzustellen, dass die Deutschen ihren Platz in den Liga-Mannschaften haben. Namen wie Maximilian Marterer, Cedric-Marcel Stebe, Matthias Bachinger (alle Kurhaus Lambertz Aachen), Tim Sandkaulen (Badwerk Gladbacher HTC), Peter Gojowczyk, Tobias Kamke, Daniel Brands (alle Grün-Weiss Mannheim), Mats Moraing, Tim Schönenberg (beide Allpresan Rochusclub Düsseldorf), Oscar Otte (Deutsche Öl und Gas Rot-Weiss Köln), Yannick Hanfmann und Frank Wintermantel (TC Weinheim) sind die erfreuliche Bilanz nationaler Profis. Diese positive Entwicklung ist zweifelsohne auch darauf zurückzuführen, dass die Zeiten des großen Geldes einzelner Mäzene passé ist. Stattdessen ist Seriosität und Kontinuität angesagt.
Wachsendes Zuschauerinteresse und eine sportlich ausgeglichene 1. Tennis-Point Bundesliga sind zumindest das vorläufige Fazit der laufenden Saison.

Text von Frank Hofen (TC Blau-Weiss Halle)

Bildzeile: In der 1. Tennis-Point Bundesliga kann der TC Blau-Weiss Halle am Sonntag seine fünfte Deutsche Meisterschaft gewinnen. Erreichen wollen dies (stehend von links): Thiemo de Bakker, Tim Pütz, Thomas Dappers (Coach), Jan-Lennard Struff, Lennart Zynga sowie (kniend von links): Daniel Munoz de la Nava, Jeremy Jahn, Kolja Herrman (Physiotherapeut) und Teamchef Thorsten Liebich. © Kurt Vahlkamp